Fortsetzung Artikelserie TV Gondelsheim – die Geschichte des Turnvereins

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Fortsetzung Artikelserie TV Gondelsheim

In unserer Artikelserie folgt heute der 2. Bericht von Hans Herrmann zu der Geschichte des Turnvereins.
Herzlichen Dank für diesen Bericht.

120 Jahre Turnverein Gondelsheim (Fortsetzung)

Vom Neubeginn 1919 nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Stillstand vor dem Zweiten Weltkrieg 1939

Der letzte Bericht endete mit dem Absatz: „1919 gibt es wieder Hoffnung und allgemein bessere Zeiten.“ „Der Turnverein eröffnet am 22. Januar mit einer Turnratssitzung das neue Vereinsleben.“ „84 Mitglieder sind jetzt eingetragen.“ „Es kann losgehen!“

In Folge setzte für den Verein eine ungeahnte Entwicklung ein. Die Mitgliederzahl steigt fast sprunghaft von 84 über 127, 165, 188 auf 200 in den Folgejahren, bis die Weltwirtschaftskrise um das1930er Jahr vorübergehend zur Stagnation führt.

Der wiederaufgenommene Wettkampfbetrieb bringt auch die turnerischen Aktivitäten, Leistungen und Erfolge zu neuer Blüte. Selbst die begehrte Qualifikation zur DTM (Deutsche Turnvereinsmeisterschaft) wird erkämpft.

Auch die Jugendarbeit wird intensiviert. 1922 wird die erste Jugendabteilung gegründet; mit eigener Satzung und für Turner bis 16 Jahren. Danach erfolgt automatisch die Aufnahme in die Turnabteilung.

Neue Sportarten werden nach Kriegsende aufgenommen. 1919 im September kommt Fußball als neues “Neumodisches Zeug“ dazu. Ein Spielball wird beschafft. Kluge Vereinsführung verhindert die sonst übliche Spaltung in Turner und Fußballer, bis hin zur vereinsmäßigen Trennung.

Jetzt fehlt es dem Verein aber mehr als bisher an ausreichendem Übungsgelände, sodass wieder einmal die Großzügigkeit von Gräfin Douglas in Anspruch genommen wird, die 40 ar Ackerland über der Obergrombacher Straße zur Verfügung stellt. Dieser Platz ist zumindest in Teilen bis heute Heimat des Turnvereins und ein Garant für seine positive Entwicklung.

1920 erfolgt der Umzug von der Leimengrube unter Mitnahme der Turnhütte. Der Winterturnbetriebfindet im Wirtshaussaal der “Krone“ statt, den die Gemeinde gegen Vergütung zur Verfügung stellt.Im Juli 1921 kommt es zur Platzeinweihung, in Verbindung mit dem 20jährigen Vereinsjubiläum, vereinsoffenen Wettkämpfen aller Klassen, Schauturnen und großem Festumzug zum neuen Platz, unter Teilnahme aller anderen Ortsvereine. Unter den vereinsoffenen Wettkämpfen wird ein “Volkstümlicher Sechskampf“ ausgetragen; auch die Leichtathletik hat im Turnverein jetzt ihren Platz gefunden.

1923 behindert die Inflation das Vereinsleben mit seiner rasenden Geldentwertung. Die Mitgliedsbeiträge z.B. müssen ständig neu festgelegt werden und klettern über 3.000 Mark im Juni auf 2 Millionen im September auf 50 Milliarden im Oktober, bis im November der Turnrat eine Bezugsgröße von 20 Goldpfennig oder entsprechend viel Getreide festlegt und kurz darauf die Rentenmark als neue Währung eingeführt wird.

Trotz aller Schwierigkeiten beschert der Verein seine Mitglieder mit der schon traditionellen Weihnachtsfeier, die der Vorstand mit den Worten eröffnet: „Trotzdem die Zeit nicht dazu angetan, um große Feste zu feiern, haben wir’s uns nicht nehmen lassen, unsere Mitglieder durch einige genussreiche Stunden der Alltagssorgen zu entheben.“

1924 stiftet Gräfin Douglas eine bronzene Läuferskulptur als ständigen Wanderpreis für vereinsinterne Wettkämpfe, noch heute hart umkämpfte Trophäe der jährlichen Vereinsmeisterschaften im Bereich “Turnen männlich“.

1926 wird das 25jährige Stiftungsfest veranstaltet. Ist das Programm auch ähnlich den früheren Jubiläen, kommt es erstmals zur Ernennung von Ehrenmitgliedern und Ehrungen von Gründungsmitgliedern. Auch wird für die Gefallenen des Weltkrieges ein Gedenkstein eingeweiht, der die 1919 erstellte und 1921 eingeweihte Gedenktafel trägt.

1926-1928 verursacht die Weltwirtschaftskrise eine notgeborene Auswanderungswelle, durch die derVerein auch 4 seiner besten Turner nach Amerika verliert. Trotzdem kann beim 15. Landesturnfest inMannheim unter 1.000 Teilnehmern und unter den Augen von 22.000 Besuchern ein auch in der lokalen Presse vielbeachteter Mannschaftssieg erturnt werden.

1927 kommt es zur Gründung der ersten Turnerinnen-Riege, die 1933 durch Bildung der Schülerinnenabteilung einen soliden Unterbau bekommt. Trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeitendieser Zeit zählt der Deutsche Turnverband jetzt über 100.000 Mitglieder.

1932 werden die Pläne zu Schaffung einer eigenen Turnhalle auf der Grundfläche von 12 x 22 m der Generalversammlung vorgestellt, intensiv diskutiert und letztendlich einstimmig angenommen. Beachtlich, sind sich die Mitglieder doch bewusst, dass dies nur in 100%tiger Eigenleistung gestemmt werden kann. So kommt es dann, dass Tag für Tag die Turner nach Feierabend, mit eigenem Werkzeug bewaffnet, zum Turnplatz ziehen und oft bis Mitternacht am Bau werkeln und den Basisbau der heutigen Halle erstellen. Schon am 17. Juli erfolgt das Richtfest, verbunden mit Vereinsmeisterschaften und Schauturnen.

1933, vom 24. – 26. Juni, findet die Einweihung der Halle statt, verbunden mit dem Gauturnfest. Ca. 300 Wettkämpfer aus vielen Vereinen sind gekommen. Das Festprogramm ist ähnlich dem der vorhergegangenen Feste, jedoch sind die Auswirkungen der Nationalsozialistischen Machtergreifung vom 30. Januar 1933 sichtbar. Der “Neue Geist“ des NS-Regimes hat auch die Turnerschaft erreicht. Beim Festumzug marschiert die SA in Uniform an der Spitze, der “Stahlhelm“, eine NS-nahe Vereinigung, übernimmt den Ordnungsdienst, Deutschlandlied und Horst-Wessel-Lied werden gesungen und zum Abschluss gibt es eine Sonnwendfeier (auch ein NS-Ritual). Vom Festredner sind folgende Sätze zu hören: „Dass Jahn‘sches Turnertum und Nationalsozialismus in Ursprung und Streben eins sind und die turnerische Erziehung stets national war.“ „Das Ziel ist, eine einige, geschlossene Volksgemeinschafts zu bilden.“

14 Jahre zuvor hat sich der Turnverein seine politische Neutralität noch bewahren können, als er den Beitritt zum linken “Arbeiter-Turner und -Sportbund“ ablehnte. Jetzt kann er sich der Politisierung nicht mehr verweigern. Die deutschen Vereine werden quasi zwangsweise “gleichgeschaltet“. Alles muss sich der Ideologie und den Zielen der Nationalsozialisten beugen und verfügbar machen. Die an Disziplin, Drill und körperliche Leistung gewohnten Turner kommen da als “Unterstützer“ sehr gelegen.

Die Vereinsleitung muss nach dem “Führerprinzip“ neu bestimmt werden, mit alleiniger Entscheidungsgewalt beim “Vereinsführer“. Durch geschicktes Taktieren gelingt es dem Turnverein, personell keine Um- oder Neubesetzungen vornehmen zu müssen, so dass der Verein in relativ ruhigem Gewässer seine Aktivitäten fortführen kann, obschon die Nazi Doktrin in allen Bereichen zunehmend Einfluss nimmt, bis hin zu Rassenfrage, Bekämpfung des Judentums und Unterstellung aller sportlichen Betätigungen unter den “Reichsbund für Leibesübung“.

Immer mehr und gezielt wird die Jugend durch Einbindung in NS-Organisationen den Vereinen entzogen, sodass es schwierig wird, gute Nachwuchsarbeit zu leisten und die Zahl der aktiven Vereinsmitglieder zu halten oder gar zu erhöhen.

Mit diesem Problem kämpfen alle Vereine. Waren es beim 15. Deutschen Turnfest 1933 in Stuttgart noch 90.000 Turnerinnen und Turner, die unter 4.000 Vereinsfahnen zu den Wettkämpfen antraten –unter ihnen auch die Gondelsheimer – so sind die Aktivenzahlen im Juni 1939 beim 2. Gaufest des Reichsbundes in Mannheim vergleichsweise niedrig und besorgniserregend.

Sein letztes großes Turnfest vor dem 2. Weltkrieg veranstaltet der Verein im August 1936, schon unter diesen Aspekten als Schau- und Werbeturnen. Während in Berlin gleichzeitig die Olympischen Spiele laufen, verweist der “Vereinsführer“ darauf, dass es zwar auf diese zu schauen gelte, dass aberauch „die Kleinarbeit aller, auch der kleinsten Vereine“ zu würdigen sei. Als im September 1939 der unselige 2. Weltkrieg ausbricht, fällt das in die Zeit, in der das Protokoll des Turnvereins sich kritisch mit dem Zustand des Vereins befasst und u.a. anmerkt „dass die Turnsache in letzter Zeit stark nachgelassen hat und, dass mit allen Kräften wieder an der Hebung desTurnbetriebes gearbeitet werden muss.“ Der Krieg stoppt jedoch alle derartigen Bemühungen. Ein Großteil der Aktiven und der Turnratsmitglieder sind zum Wehrdienst eingezogen. Den Zurückgebliebenen bleiben gelegentliche Verwaltungsaufgaben und die Teilnahme an den Trauerfeiern für gefallene Vereinsmitglieder. Die Turnhalle dient zeitweise als Truppenunterkunft und Zwischenlager für Maschinen zerstörter Unternehmen aus dem Umland. Dieser Zustand hält an bis zum Mai 1946. Der Verein betrauert 21 gefallene und 5 vermisste Mitglieder und bangt um viele, die in Gefangenschaft gerieten.

Ein kompletter Neuaufbau mit gerade mal noch 91 Mitgliedern muss geplant und bewältigt werden.

Anmerkung:
Bei dieser kurzen Zusammenfassung von 20 Jahren Vereinsgeschichte konnte ich mich weitgehend auf die sehr detaillierte Berichterstattung der beiden Historiker Markus Rupp und Thomas Adam im “100 Jahre TV Gondelsheim“-Buch stützen. Ein Dankeschön an die Beiden für Ihre zeitraubende Recherche und schriftstellerische Arbeit. So manches erfuhr ich im Laufe meiner langen Vereinszugehörigkeit auch von den “Alten“ und meinem Onkel Heiner Heck, der das Vereinsleben in den “wilden“ 20er und 30er Jahren maßgeblich mitgestaltete.

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